Giftige Luft im Urlaubsflieger? Das aerotoxische Syndrom

shutterstock_256478011Giftige Luft im Urlaubsflieger? Gibt es das?

Tatsächlich wird die Kabinenluft im Flieger in der Regel aus den Triebwerken bezogen und von dort aus zu Passagieren und Piloten in die Kabinen geleitet. Es ist die sogenannte Zapfluft. Nun kann es passieren, dass durch winzige Lecks im Material Schadstoffe austreten und so in die Kabinenluft gelangen können. Denn eingesetzt wird in den Triebwerken ein Schmiermittel, das giftige Substanzen enthält. Es kann durch die Dichtungen austreten und sich im Triebwerk erhitzen. Dadurch gerät es in die Luft. Bezeichnet wird das als „Fume-Event“. Dunst und Gerüche können entstehen – müssen aber nicht. Die Kabinenluft kann auch völlig unbemerkt verunreinigt werden.

Aber was passiert, wenn Passagiere und Crew diese Luft einatmen?

Wissenschaftlich anerkannte Studien gibt es nicht. Die Medizin erkennt bislang keine gesundheitlichen Schäden durch verunreinigte Kabinenluft an. Trotzdem haben mögliche Schäden in Folge von „Fume-Events“ bereits einen Namen: das aerotoxische Syndrom. Betroffene beschreiben akute oder langfristige Auswirkungen wie etwa Kopfschmerzen, Übelkeit, Lähmungen oder Muskelschwäche.
Den Begriff aerotoxisches Syndrom gibt es seit 1999. Damals kam es zu einem mysteriösen Vorfall in der Luft, der fast in einem Drama endete: In einer Passagiermaschine – wenige Meilen vor dem Ziel in Malmö – verlieren Pilot und Co-Pilot gleichzeitig die Kontrolle über ihre Körper. Sie können sich kaum bewegen, wissen nicht warum.  Die Maschine befindet sich im Sinkflug. Der Co-Pilot schafft es gerade so, sich eine Sauerstoffmaske aufzusetzen, atmet frische Luft ein und gewinnt die Kontrolle über Körper und Maschine zurück. Der Pilot ist noch längere Zeit benommen. Der Fall ist bis heute nicht geklärt. Die Ursache könnte ein Fume-Event gewesen sein: Chemikalien im Triebwerk traten aus, kamen in die Kabinenluft, wirkten als Nervengift bei Passagieren und Crew. Seither wurden viele ähnliche Vorfälle verzeichnet. Allein im Jahr 2016 wurden 228 Vorfälle in Deutschland gemeldet. Spitzenreiter ist dabei in Deutschland der Flugzeugtyp Boeing 757. Wieviele Fume-Events es aber wirklich gab? Das ist unbekannt, denn diese Geschehnisse sind nicht meldepflichtig.

Und was passiert, wenn Passagiere und Crew Opfer eines Fume-Events wurden?

Erstmal nichts. Das aerotoxische Syndrom ist ja nicht anerkannt. Eine Studie belegte gerade erst, wie sauber die Luft in Flugzeugen ist. Dabei gibt es weltweit mittlerweile hunderte Piloten und Flugbegleiter, die gegen die Airlines klagen, weil sie angeben, unter dem aerotoxischen Syndrom zu leiden – einer Krankheit, die es offiziell nicht gibt. Daher sind auch die Klagen meist erfolglos.
Dabei gibt es schon viele untersuchte Fälle. Für Aufsehen hat etwa die pathologische Untersuchung des Piloten Richard M. Westgate gesorgt. Er verstarb 2012, vermachte seinen Körper der Wissenschaft, damit diese das aerotoxische Syndrom untersuchen können. Die Wissenschaftler stellten fest, dass Westgate immer wieder geringen Dosen eines Giftes ausgesetzt war. Das hat zu starken Gesundheitsbeeinträchtigungen geführt. Hirn- und Nervenzellen waren abgestorben, der Herzmuskel geschädigt. Experten führten diese Schädigungen auf die Atemluft im Flieger zurück. Die gleichen Wissenschaftler haben seither mehrere Crewmitglieder untersucht, die nicht auf natürliche Weise gestorben sind. Und sie haben ähnliche Schädigungen bei ihnen festgestellt.

Was sagen die Experten dazu?

Experten gehen davon aus, dass es etwa 50 bis 60 Fume-Events täglich weltweit gibt. Auf 2000 Flügen tritt vermutlich es im Schnitt einmal auf. Geändert hat sich an der Technik der Kabinenbelüftung bislang aber nichts. Mehr als 23.000 Flugzeuge sind weltweit mit einem Konstruktionsfehler in der Belüftung unterwegs – und das seit den 50er-Jahren. Aber auch wenn offiziell niemand die Existenz des aerotoxischen Syndroms anerkennt: Viele Airlines arbeiten bereits an neuen Technologien zur Belüftung der Flugzeuge. Die Lufthansa etwa testet bereits eine neue Filtertechnologie.

Ungefiltert eingeatmet – Film

Eine Dokumentation zum Thema hat Tim van Beveren im Jahr 2015 veröffentlicht. Der Luftfahrtjournalist erklärt in seinem Film „Ungefiltert eingeatmet – das aerotoxische Syndrom“ die sogenannten Fume-Events, führt Fälle von Gesundheitsschädigungen und Statistiken auf.

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